#18 Greymouth – Hokitika – Franz Josef

Schon der erste Blick aus dem Fenster nach dem Aufwachen macht gute Laune – leuchtend rote Pōhutukawas vor strahlend blauem Himmel. Unser erster ganzer Tag an der Westcoast beginnt so wie der letzte aufgehört hat, mit ungewöhnlich gutem Wetter in einer Region, die für ihre hohe Anzahl an Regentagen bekannt ist.

Das nutzen wir natürlich aus und statten nach dem Frühstück dem Strand einen weiteren Besuch ab. Egal ob man hier nach Norden oder Süden guckt: Weiße, graue und schwarze Kiesel bis zum Horizont. Und dazu das beruhigende Rasseln der Steine, welche von der Brandung der Tasmansee bewegt werden.

Wir sammeln noch ein paar besonders schöne Kiesel ein und machen uns anschließend auf den Weg gen Süden. Dabei passieren wir auch wieder den Taramakau River. Doch wo wir uns beim letzten Mal noch eine 132 Jahre alte, rote und vor allem einspurige Stahlbrücke mit einer Bahnstrecke teilen mussten, fahren wir nun über einen Neubau an dieser vorbei. Schön bleibt die alte Brücke trotzdem und soll in Zukunft nur noch dem Bahnverkehr dienen. Immer wieder sehen wir auf den ersten Kilometern zudem Teile des West Coast Wilderness Trails, eines über 120 Kilometer langen Radwegs zwischen Greymouth und Ross. Auch auf der neu gebauten Brücke wurde Platz für diesen geschaffen – nicht selbstverständlich in einer so dünn besiedelten Region. Tolle Entwicklung!

In und hinter Kumara Junction treffen wir nun auf die beiden vielleicht verrücktesten Kreisverkehre des Landes, verläuft doch eine Bahnstrecke mitten durch diese hindurch. Der Highway führt dabei schnurgerade entlang der Küste und bietet uns dabei immer wieder schöne Ausblicke, wenn auch komplett anderes als auf der gestrigen kurvenreichen und deutlich ursprünglichern Strecke.

Unseren ersten Halt heute machen wir in Hokitika, einem kleinen Ort am Wasser, welcher bekannt für seine Verarbeitung von Pounamu ist, der neuseeländischen Form der Jade. So gehen auch wir durch ein paar Geschäfte und Werkstätten, ehe es uns zum Schluss noch einmal zum Meer zieht.

Hokitika ist neben dem Pounamu jedoch vor allem für ein wenige Kilometer entferntes Naturschauspiel bekannt – die Hokitika Gorge. Wir fahren aus der Stadt raus Richtung Südalpen und einige Zeit durch das flache Hinterland Hokitikas. Immer wieder wechselt die Richtung der Straße, während wir zwischen den Feldern hindurch ins Landesinnere fahren – dabei alles im 90 Grad Winkel, wie am Reißbrett geplant. Irgendwann wird die Straße immer schmaler und wir erreichen nach einer letzten einspurigen Brücke den neu ausgebauten, überfüllten Touristenparkplatz. Die Westcoast ist leider kein Geheimtipp mehr.

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Wir packen unsere Taschen – vor allem mit Wasser an diesem warmen Tag – und machen uns auf den schön angelegten Weg durch dichten, naturbelassenen Wald.

Ab und zu können wir einen ersten Blick auf die Schlucht mit seinem türkisblauen Wasser werfen, ehe wir uns plötzlich in einer Warteschlange wiederfinden. Immer nur ein paar Personen dürfen gleichzeitig die Hängebrücke über den Fluss betreten. Kein Wunder also, dass man hier auch gerne mal länger auf eine Überquerung warten muss. Stehenbleiben und Fotografieren verboten, aber Fotos machen während des Gehens funktioniert auch ganz gut- Grauzone genutzt. Und was ist das für eine unglaubliche Farbe!

Ein Stück weit verläuft der Weg noch durch den Wald, ehe man schließlich mit vielen anderen auf einem Felsvorsprung herauskommt und diesen hinunter bis zum Wasser steigen kann.

Wir klettern ein wenig von A nach B, beobachten ein paar Mutige beim Schwimmen im eiskalten Wasser und werden von einer Libelle angeflogen, aber vor allem bewundern wir das leuchtend blaue Wasser des Hokitika Rivers.

Irgendwann wird es uns einfach zu warm auf der offenen Fläche und wir treten den Rückweg an. Immer auf der Suche nach Schatten und nach ein paar Pausen erreichen wir schließlich wieder den Carpark, wo wir uns noch einen Burger gönnen. Ganz ok, aber kein Vergleich zum Hamburger in der Long Bay bei Coromandel. Von diesem schwärmen wir noch immer.

Zurück an den Autos trinken wir jeder noch fast eine Flasche Wasser und sind anschließend froh eine Klimaanlage zu haben. Über Hokitika geht es zurück auf den SH6 und auf diesem nach Süden. Wir passieren das kleine Goldgräber-Städtchen Ross. Von der Gorge bis nach Ross sind es gerade mal 26 Kilometer Luftlinie, doch wir müssen in Ermangelung einer direkten Straße den Umweg über Hokitika nehmen, welcher 55 Kilometer lang ist. Hierfür brauchen wir zudem fast eine Stunde – typisch Neuseeland eben! Man lernt hier ziemlich schnell, dass der Weg das Ziel ist. Und der Weg ist wunderschön!

Immer wieder überqueren wir auf dem folgenden Stück Flussbetten voller hellgrauer Kiesel und durchfahren saftig grüne Wälder bis wir am Lake Ianthe den nächsten Halt einlegen. Ein schöner ruhiger Ort. Jedoch ist das Wasser durch Dünger und giftige Pflanzenschutzmittel stark verunreinigt. Ein immer weiter verbreitetes Problem in Neuseelands Gewässern und eigentlich ein Unding in einem Land, welches für seinen Umweltschutz bekannt sein möchte. Kein Land ist perfekt, auch nicht das Paradies am Ende der Welt.

Wir fahren weiter, schlängeln uns über die kurvenreiche Flanke des Mount Hercules, folgen dem Flussbett des Whataroa Rivers und passieren Lake Wahapo und Lake Mapourika, ehe wir schließlich Franz Josef / Waiau erreichen. Unser heutiger Platz wird, wie schon vor drei Jahren, der Rainforest Retreat Holiday Park – schön gelegen zwischen Farnen und hohen Bäumen.

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Da wir wissen, wie selten strahlend blauer Himmel an der Westcoast ist, beschließen wir trotz der fortgeschrittenen Uhrzeit, unser Glück nicht überzustrapazieren und lieber heute als morgen zum Gletscher zu wandern. Wir überqueren den hier 170 Meter breiten Waiho River hinter dem Ort über eine mal wieder einspurige Brücke und biegen dahinter links ins imposante Tal des Franz Josef Gletschers / Kā Roimata o Hine Hukatere ab. Zuerst direkt am Fluss entlang, anschließend durch dichten Küstenregenwald verläuft die Straße bis zum Parkplatz, wobei man auf zahlreichen Bremsschwellen aus Flussstein ganz schön durchgeschüttelt wird.

Vom Parkplatz aus wählen wir den Franz Josef Glacier Valley Walk, welcher uns nach knapp drei Kilometern möglichst nah zum Gletscher führen soll. Den ersten Teil durch dichten Busch kennen wir dabei noch vom letzten Mal, ehe uns eine Barriere damals aufhielt weiterzugehen. Heute biegt der Weg jedoch irgendwann nach rechts ab und bildet nach einem kurzen Anstieg eine Aussichtsplattform. Von hier hat man den ersten Blick auf das gesamte Ausmaß des Gletschers – oder auf das, was von ihm übrig geblieben ist. Denn der Franz Josef Gletscher hat in den letzten 40 Jahren etwa 30 Prozent seiner Masse verloren. Der Klimawandel trifft auch Neuseeland mit voller Wucht.

Während sich die eine Hälfte von uns dazu entschließt, vielleicht heute noch die Hot Pools des Örtchens zu besuchen, wollen wir den Weg so weit wie möglich bis zum Gletscher gehen. Ein Vorteil der späten Tageszeit – es ist mittlerweile halb acht – ist der fehlende Touristenstrom, welcher sich tagsüber durch das Tal zieht. Nur vereinzelt kommt uns jemand entgegen und Richtung Gletscher laufend sehen wir keine Menschenseele. Ein wenig mulmig ist uns schon mit dem Wissen, dass der Fluss hier innerhalb weniger Minuten so stark ansteigen kann, dass die durch das Flussbett führenden Wege überschwemmt werden. Regen ist jedoch erst für den morgigen Tag angekündigt und der von der Sonne erleuchtete Gletscher besitzt eine für uns starke Anziehungskraft.

Eben diese Sonne geht jedoch immer weiter unter hinter den steil aufragenden Felswänden der Südalpen und verdunkelt so immer weitere Teile der hellblauen Eismasse ohne aber, dass diese weniger beeindruckend wirkt. Hinter einem letzten großen Geröllhügel, welchen man aus Schutz vor hinabfallenden Steinen möglichst rasch und ohne anzuhalten überqueren soll, endet der Weg nun ein paar hundert Meter von der Gletscherzunge entfernt. Ein beeindruckender Anblick und ein besonderes Naturschauspiel selbst in Neuseeland, liegt der Gletscher doch vergleichsweise niedrig über dem Meeresspiegel.

Wir genießen die Landschaft einige Zeit, beobachten doch noch weitere Neuankömmlinge nach uns, essen ein paar Müsliriegel mit Aprikosen- und Pfirsichgeschmack und machen uns schließlich wieder auf den Rückweg. Und auch dieser lässt sich durchaus sehen, wie zum Beispiel bei einer Nebenlinie der Alpinen Verwerfung – beeindruckend!

Zurück am Auto, sind wir dann doch ganz schön K.O. nach diesem langen Tag und gegessen haben wir heute Abend auch noch nicht. Der Plan sah es eigentlich vor, zurück am Campingplatz die direkt angrenzende Monsoon Bar zu besuchen und dort meine geliebten Wedges mit Sour Creme und Sweet Chili Sauce wie beim letzten Mal zu bestellen. Leider ist die Bar heute jedoch völlig überfüllt. Zig verkleidete Kiwis feiern hier einen Geburtstag. Wir beschließen lieber selbst an unseren Campern eine ebenso leckere Bolognese zuzubereiten und sie anschließend am direkt daneben stehenden Picknicktisch zwischen den großen und kleinen Farnen zu genießen. Schöner Tag!

Dezember 2018

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